Wie ich meinen ersten Computer in einer Mütze transportierte,
warum ich damit auf den Mond wollte,
was Sir Steve Sinclair damit zu tun hat
erfahren Sie aus meinem Artikel für DIE ZEIT:

Niemals bis zum Mond

Eigentlich sollte es ja ein Taschenrechner werden, ein richtig programmierbarer. Der „Elektronenrechner“, den ich damals, Ende der siebziger Jahre, besaß, hieß zwar auch programmierbar, aber seine Befehlssprache bot weder Schleifen noch Bedingungen, keine Wiederholung, kein Wenn-dann -- wie ein Auto, das nur geradeaus fahren kann.

Es gab noch anderes, das wußte ich von einem älteren Schüler, der mir im Urlaub am Nordseestrand zeigte, wie man mit seinem Taschenrechner auf dem Mond landet. Visuell war das nicht sehr ausgefeilt, aber die rhythmisch rot aufglühenden Ziffern der Anzeige gaben Höhe und Treibstoffreserve bekannt. Irgendetwas steuern konnte man auch.

Ein Mondlanderechner sollte es also sein. Prompt erschienen im Spiegel ganzseitige Anzeigen, auf denen ein seriöser Geschäftsmann sich zu einem kleinen schwarzen Ding auf dem Tisch hinunterbeugt. Daneben stand etwas von unglaublichen 400 Mark für einen richtigen Computer: den Sinclair ZX 81. Die Anzeige ausgerissen und in die Schule mitgenommen. Gregor, dem ich in meiner humanistischen Anstalt in der niederrheinischen Provinz noch am meisten Kompetenz bei neuen Technologien zuschrieb, antwortete auf meine Frage, was man mit so einem Computer machen könne, überraschend: „Alles!“

Damit war die Anschaffung beschlossen. Bald darauf wurde das Gerät, in eine Mütze verpackt, in die Schule transportiert und von Gregor bestaunt.

Mein erstes Programm für den eingebauten BASIC-Interpreter hatte die Funktion, den ZX81 unaufhörlich Fragezeichen auf den Bildschirm schreiben zu lassen. Ich unterlasse den Versuch, dem nachträglich einen Sinn anzudichten. Es war die schiere Faszination, ein totes Stück Materie etwas für mich tun zu lassen, und zwar prinzipiell unbegrenzt lange. Die Bezeichnung "Bildschirm" ist natürlich Schönfärberei. Es war ein alter Schwarzweißfernseher, auf den ich der kurzen Distanz wegen mit tränenden Augen starrte.

Ob der Sinclair sinnvoll zu benutzen war? Man konnte noch nicht einmal einen Brief schreiben damit. Ein Drucker war zwar erhältlich, aber wem wollte man seine Machwerke zumuten? Er verlangte silbrig glänzendes Spezialpapier, gerade so breit wie ein Supermarktbon. Ein Schreibprogramm war ohnehin nicht vorhanden, man hätte Briefe im üppigen Wortschatz des BASIC-Dialekts verstecken müssen (SLOW STEP THEN PAUSE AND RETURN ...). Spiele, die ein Freund gekauft hatte und die aus einem knirschenden Kassettenrecorder nach mehreren Versuchen dem Sinclair vermittelt werden konnten, hatten einen flüchtigen Reiz. Auf den Mond bin ich nie gekommen.

Eigene Programme beschränkten sich mangels Speicherplatz (zunächst ein Kilobyte, tausend Zeichen) auf Trivialitäten. Damals hörte ich nicht den versteckten Spott in Gregors Lob, als ich ihm von meinem Programm zur Erzeugung von Primzahlen erzählte. Statt der Fragezeichen schaufelte es Primzahlen auf den Schirm, mit zwei beginnend, ohne Ende. Vielleicht fällt mir ja eine Regelmäßigkeit, auf und ich werde berühmt, dachte ich.

Vielleicht ist es gut, daß es nicht geklappt hat. Jene Art von Berühmtheit, die der Erfinder des ZX81, Clive Sinclair, in seiner Heimat Großbritannien erlangte, kann man durchaus zwiespältig sehen -- mit siebzehn hatte er sich vom Schulsystem verabschiedet, das seinen Ideen keinen Raum bot, und sich konsequent den Ruf eines Daniel Düsentrieb aufgebaut. Er gründete Firmen, scheiterte, stand wieder auf, erfand und entwickelte Taschenrechner, Heimcomputer, Minifernseher, Mobiltelephone, Elektrofahrzeuge -- marktumwälzend, spleenig und immer billig, um den Massen zu geben, was den Massen gebührt. 1983 verhalf ihm Maggie Thatcher zum Ritterschlag, zwei Jahre später war er endgültig pleite.

Sir Clive Sinclair baute immer für seinesgleichen. Zu Zeiten des ZX81 war er der größte Rechnerhersteller der Welt -- in Stückzahlen gerechnet --, und in der Computergeschichte steht er gewiß für alle Ewigkeit auf einem Podest. Er ist der Erfinder des Hardware-Preissturzes. Sein Rezept: Nimm einen richtigen Rechner und schneide so lange alle Teile weg, bis sich das Gerät für unter hundert britische Pfund anbieten läßt -- halb so teuer wie alles Vergleichbare damals. Der ganz karge ZX80, bereits mit dem Zilog Z80 als Prozessor, kam Anfang 1980 auf den Markt, der verbesserte ZX81 im März 1981. Binnen zwei Jahren setzte Sinclair Research, Sir Clives Firma, von den beiden Maschinen 700000 Stück ab.

Später, als Philosophiestudent, wollte ich einen zweiten Anlauf mit dem ZX81 unternehmen. Gregor studierte inzwischen Informatik. Nachdem der Speicher sich zur Weihnachtszeit aufs Sechzehnfache, sprich sechzehn Kilobyte, vergrößert hatte, schien das größte Hindernis für eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Programmieren die Tastatur zu sein. Es handelte sich um eine Folie mit winzigen aufgedruckten Tasten, die kaum zu orten waren, was sie mit fünffacher Belegung zu kompensieren versuchten -- man mußte nur die richtige Zusatztaste finden.

Wieder half eine Anzeige: Eine externe Tastatur speziell für den geplagten Sinclairisten warb mit einfachem Anschluß und anschließend komfortablem Arbeiten. Das mit dem Anschließen traf zu, doch dann -- nichts mehr. Kein Tastendruck zeigte Wirkung, selbst die Folie versagte ihren Dienst nach rascher Demontage der neuen Tasten. Die ganze Installation, in der mittlerweile schon ein Tausender steckte, war innerhalb einer Minute zu Elektronikschrott verkommen.

Eine Fahrt zu einem Computerladen in Düsseldorf erbrachte die lakonische Auskunft, daß Sinclairs überhaupt nicht repariert würden.

Wie es ausgegangen ist? Die neue Tastatur konnte ich noch gut verkaufen, wenn auch mit schlechtem Gewissen. Vielleicht ging sie als Serienkiller in die Sinclair-Geschichte ein. Der Computer brachte einen Zwanziger von einem Bastler. Einige Jahre später entschloß ich mich tatsächlich, Informatiker zu werden. Und Gregor brach sein Studium ab. Vielleicht durfte er zu früh an einen richtigen Computer.

(Veröffentlicht in der Reihe "Das Hardwaremuseum" in DIE ZEIT, 9.12.1994. Bei der "humanistischen Anstalt" handelt es sich um das Krefelder Arndt-Gymnasium.)