Niemals bis zum
Mond
Eigentlich
sollte es ja ein Taschenrechner werden, ein richtig programmierbarer.
Der „Elektronenrechner“, den ich damals, Ende der siebziger
Jahre, besaß, hieß zwar auch programmierbar, aber seine
Befehlssprache bot weder Schleifen noch Bedingungen, keine Wiederholung,
kein Wenn-dann -- wie ein Auto, das nur geradeaus fahren kann.
Es gab
noch anderes, das wußte ich von einem älteren Schüler,
der mir im Urlaub am Nordseestrand zeigte, wie man mit seinem Taschenrechner
auf dem Mond landet. Visuell war das nicht sehr ausgefeilt, aber die
rhythmisch rot aufglühenden Ziffern der Anzeige gaben Höhe
und Treibstoffreserve bekannt. Irgendetwas steuern konnte man auch.
Ein Mondlanderechner
sollte es also sein. Prompt erschienen im Spiegel ganzseitige Anzeigen,
auf denen ein seriöser Geschäftsmann sich zu einem kleinen
schwarzen Ding auf dem Tisch hinunterbeugt. Daneben stand etwas von
unglaublichen 400 Mark für einen richtigen Computer: den Sinclair
ZX 81. Die Anzeige ausgerissen und in die Schule mitgenommen. Gregor,
dem ich in meiner humanistischen Anstalt in der niederrheinischen
Provinz noch am meisten Kompetenz bei neuen Technologien zuschrieb,
antwortete auf meine Frage, was man mit so einem Computer machen könne,
überraschend: „Alles!“
Damit
war die Anschaffung beschlossen. Bald darauf wurde das Gerät,
in eine Mütze verpackt, in die Schule transportiert und von Gregor
bestaunt.
Mein
erstes Programm für den eingebauten BASIC-Interpreter hatte die
Funktion, den ZX81 unaufhörlich Fragezeichen auf den Bildschirm
schreiben zu lassen. Ich unterlasse den Versuch, dem nachträglich
einen Sinn anzudichten. Es war die schiere Faszination, ein totes
Stück Materie etwas für mich tun zu lassen, und zwar prinzipiell
unbegrenzt lange. Die Bezeichnung "Bildschirm" ist natürlich
Schönfärberei. Es war ein alter Schwarzweißfernseher,
auf den ich der kurzen Distanz wegen mit tränenden Augen starrte.
Ob der
Sinclair sinnvoll zu benutzen war? Man konnte noch nicht einmal einen
Brief schreiben damit. Ein Drucker war zwar erhältlich, aber
wem wollte man seine Machwerke zumuten? Er verlangte silbrig glänzendes
Spezialpapier, gerade so breit wie ein Supermarktbon. Ein Schreibprogramm
war ohnehin nicht vorhanden, man hätte Briefe im üppigen
Wortschatz des BASIC-Dialekts verstecken müssen (SLOW STEP THEN
PAUSE AND RETURN ...). Spiele, die ein Freund gekauft hatte und die
aus einem knirschenden Kassettenrecorder nach mehreren Versuchen dem
Sinclair vermittelt werden konnten, hatten einen flüchtigen Reiz.
Auf den Mond bin ich nie gekommen.
Eigene
Programme beschränkten sich mangels Speicherplatz (zunächst
ein Kilobyte, tausend Zeichen) auf Trivialitäten. Damals hörte
ich nicht den versteckten Spott in Gregors Lob, als ich ihm von meinem
Programm zur Erzeugung von Primzahlen erzählte. Statt der Fragezeichen
schaufelte es Primzahlen auf den Schirm, mit zwei beginnend, ohne
Ende. Vielleicht fällt mir ja eine Regelmäßigkeit,
auf und ich werde berühmt, dachte ich.
Vielleicht
ist es gut, daß es nicht geklappt hat. Jene Art von Berühmtheit,
die der Erfinder des ZX81, Clive Sinclair, in seiner Heimat Großbritannien
erlangte, kann man durchaus zwiespältig sehen -- mit siebzehn
hatte er sich vom Schulsystem verabschiedet, das seinen Ideen keinen
Raum bot, und sich konsequent den Ruf eines Daniel Düsentrieb
aufgebaut. Er gründete Firmen, scheiterte, stand wieder auf,
erfand und entwickelte Taschenrechner, Heimcomputer, Minifernseher,
Mobiltelephone, Elektrofahrzeuge -- marktumwälzend, spleenig
und immer billig, um den Massen zu geben, was den Massen gebührt.
1983 verhalf ihm Maggie Thatcher zum Ritterschlag, zwei Jahre später
war er endgültig pleite.
Sir Clive
Sinclair baute immer für seinesgleichen. Zu Zeiten des ZX81 war
er der größte Rechnerhersteller der Welt -- in Stückzahlen
gerechnet --, und in der Computergeschichte steht er gewiß für
alle Ewigkeit auf einem Podest. Er ist der Erfinder des Hardware-Preissturzes.
Sein Rezept: Nimm einen richtigen Rechner und schneide so lange alle
Teile weg, bis sich das Gerät für unter hundert britische
Pfund anbieten läßt -- halb so teuer wie alles Vergleichbare
damals. Der ganz karge ZX80, bereits mit dem Zilog Z80 als Prozessor,
kam Anfang 1980 auf den Markt, der verbesserte ZX81 im März 1981.
Binnen zwei Jahren setzte Sinclair Research, Sir Clives Firma, von
den beiden Maschinen 700000 Stück ab.
Später,
als Philosophiestudent, wollte ich einen zweiten Anlauf mit dem ZX81
unternehmen. Gregor studierte inzwischen Informatik. Nachdem der Speicher
sich zur Weihnachtszeit aufs Sechzehnfache, sprich sechzehn Kilobyte,
vergrößert hatte, schien das größte Hindernis
für eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Programmieren
die Tastatur zu sein. Es handelte sich um eine Folie mit winzigen
aufgedruckten Tasten, die kaum zu orten waren, was sie mit fünffacher
Belegung zu kompensieren versuchten -- man mußte nur die richtige
Zusatztaste finden.
Wieder
half eine Anzeige: Eine externe Tastatur speziell für den geplagten
Sinclairisten warb mit einfachem Anschluß und anschließend
komfortablem Arbeiten. Das mit dem Anschließen traf zu, doch
dann -- nichts mehr. Kein Tastendruck zeigte Wirkung, selbst die Folie
versagte ihren Dienst nach rascher Demontage der neuen Tasten. Die
ganze Installation, in der mittlerweile schon ein Tausender steckte,
war innerhalb einer Minute zu Elektronikschrott verkommen.
Eine
Fahrt zu einem Computerladen in Düsseldorf erbrachte die lakonische
Auskunft, daß Sinclairs überhaupt nicht repariert würden.
Wie es
ausgegangen ist? Die neue Tastatur konnte ich noch gut verkaufen,
wenn auch mit schlechtem Gewissen. Vielleicht ging sie als Serienkiller
in die Sinclair-Geschichte ein. Der Computer brachte einen Zwanziger
von einem Bastler. Einige Jahre später entschloß ich mich
tatsächlich, Informatiker zu werden. Und Gregor brach sein Studium
ab. Vielleicht durfte er zu früh an einen richtigen Computer.
(Veröffentlicht
in der Reihe "Das Hardwaremuseum" in DIE ZEIT, 9.12.1994.
Bei der "humanistischen Anstalt" handelt es sich um das
Krefelder Arndt-Gymnasium.)